Waldtrainerin Jutta Pommegger sitzend im Wald
|

Wie Waldbaden neue Kraft schenkt

Waldbaden – das bewusste Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes – kann Stress lindern, das Immunsystem stärken und inneren Frieden schenken. Im Großarltal habe ich es ausprobiert – begleitet von Waldbadentrainerin Jutta Pommegger.

Die Dichter der Romantik widmeten ihm unzählige Werke. Priesen ihn als Ort der Stille, als Sehnsuchtsort, aber auch als mystisch und geheimnisvoll. Für Kräuterkundige – wie Hildegard von Bingen – war und ist er eine schier unerschöpfliche Quelle von Heilmitteln. Doch vor allem ist er unsere grüne Lunge. Es mag pathetisch klingen, aber ohne ihn könnten wir keinen Atemzug tun: Der Wald hält uns am Leben.

Der Startpunkt der Waldbaden-Tour
Waldbaden im Großarltal: Das Tal ist von Nadelwald geprägt. Baumumarmungen sind hier aufgrund der spitzen, weit herausragenden Äste kaum möglich – dafür verströmen die Bäume besonders viele gesundheitsfördernde Terpene. Foto: K. Caspers

Die grüne Lunge

Dass Bäume und grüne Pflanzen durch Photosynthese Sauerstoff produzieren und damit Leben auf der Erde überhaupt erst möglich machen, ist seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Forscher wie Joseph Priestley und Jan Ingenhousz entdeckten, dass Pflanzen bei Sonnenlicht Sauerstoff freisetzen – ein Prozess, der vor allem in den Blättern stattfindet.

Mächtige Heilkräfte

Aber welche mächtigen Heilkräfte der Wald tatsächlich besitzt, wird erst seit einigen Jahrzehnten intensiver erforscht. Dabei geht es zunächst um einzelne Wirkstoffe – ein bekanntes Beispiel ist die Rinde des Weidenbaums, aus der der Hauptwirkstoff des Aspirins gewonnen wurde. Doch inzwischen weiß man: Es ist nicht einmal nötig, spezielle Stoffe aus den Pflanzen zu extrahieren. Schon der bloße Aufenthalt im Wald wirkt wie eine Reha-Kur für Körper und Geist.

„Shinrin-Yoku“ – Waldbaden

Japanische Forscher waren die ersten, die sich intensiv mit dieser Form der Wald-Medizin beschäftigten. Allen voran Dr. Qing Li, der die weltweit bekannte Methode des „Shinrin Yoku“ – bei uns bekannt als Waldbaden – entwickelte.

Was für viele noch immer esoterisch oder pseudowissenschaftlich klingt, ist heute medizinisch gut belegt.

Waldbaden hat nachweislich positive Effekte auf unser Stressempfinden, es beruhigt das Herz-Kreislauf-System, regt den Stoffwechsel an, lindert Depressionen und stärkt das Immunsystem. Besonders bemerkenswert: Es aktiviert bestimmte natürliche Killerzellen, die entartete Zellen erkennen und zerstören können – ein Grund, weshalb Waldbaden inzwischen auch als unterstützende Maßnahme in der Krebstherapie eingesetzt wird.

Und für mich persönlich war genau das der Anlass, mich näher mit diesem Thema zu beschäftigen – und Waldbaden selbst einmal auszuprobieren.

Waldbaden im Großarltal

Kurz nach einer neunwöchigen Behandlungsphase mit Chemo- und Immuntherapie habe ich mir eine Auszeit in Großarl gegönnt. Hier wollte ich mich erholen. Die letzten anstrengenden Wochen hinter mir lassen. Mental abschalten. Für große Bergtouren fühlte ich mich nicht fit genug – und so war ich dankbar, dass das Großarltal mit Berg-Gesund ein wunderbares Programm ins Leben gerufen hat, bei dem es auch um Entschleunigung geht. Dazu gehört Shinrin-Yoku. Was mir schon bei der Anmeldung gefiel: Jutta Prommegger, die zertifizierte Waldbadentrainerin, ist gelernte Tischlerin, also in zweifacher Hinsicht ein wahre Wald-Expertin.

Ausblick ins Großarltal
Welch ein Ausblick! Immer wieder führt uns die zertifizierte Waldbadentrainerin Jutta Pommegger zu Plätzen mit fantastischer Sicht auf das Großarltal. Foto: K. Caspers

Drei Frauen – eine Mission

Es ist noch Vorsaison und so steigt nur noch Carolin mit ins Wandertaxi, das uns zum Startpunkt ins Ellmautal fährt. Schon auf der kurzen Fahrt kommen wir drei Frauen ins Gespräch. Zufall? Wir sind alle 52 Jahre alt.

Carolin ist Justiz-Angestellt und kommt aus der Nähe von Ulm. Das Waldbaden sieht sie als Ausgleich zu ihrem stressigen Job. „Die Natur ist für mich das Gegengewicht zu den schwierigen Menschen, mit denen ich es sonst zu tun habe“, sagt sie dann bei der Vorstellungsrunde im Wald. 

Jutta lässt dabei einen geschälten, herrlich krumm-verdrehten Ast rumgehen. Als erstes ist sie an der Reihe und erzählt, dass sie hauptberuflich bei Holzbau Thoma arbeitet. Das Unternehmen stellt besondere Holzfertighäuser her – ganz ohne Verleihmung und Chemie. Ihr Chef, Erwin Thoma ist das österreichische Pendant zu Peter Wohlleben. Thoma ist Baum- und Waldexperte, hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht und hält Vorträge über die Heilkraft des Waldes. Wie schön, dass es Chefs gibt, die ihre Angestellte derart motivieren… 

Ein Bodenbakterium wirkt gegen Depressionen

Wir gehen das erste Stück über den weichen Waldboden. Fichten ragen über unseren Köpfen Richtung Himmel. Den unteren Zweigen fehlen die Nadeln, es sind nur kurze, sehr spitze Äste übrig. „Wir im Großarltal haben einen reinen Nadelwald“, erklärt Jutta. „Baumumarmen ist deshalb hier nicht möglich. Es gibt keinen glatten Stamm wie etwa bei einer Eiche oder Buche.“

Das Glück einer Baumumarmung können wir also nicht finden. Dafür atmen wir ein Bakterium ein, das ein natürliches Anti-Depressivum ist. Mycobacterium vaccae heißt das Bodenbakterium, das Dr. Mary O‘Brien, Onkologin am Royal Marsden Hospital in London entdeckt hat. Das Bakterium stimuliert kurzgesagt unser Immunsystem und macht uns so glücklicher. Über die Haut und den Atmen nehmen wir es auf. 

Die 47/11-Übung

Jutta regt uns daher dazu an, barfuß über den Waldboden zu laufen. Er ist überraschend weich. Vor allem die mit Moos gepolsterten Stellen. Wie in einen edlen Teppichboden sinken meine Füße in das Grün. Herrlich! 

Barfuß im Wald
Barfuß spüre ich das Moos – wie ein weicher Teppich, in den ich sanft einsinke. Foto: K. Caspers

Dann sollen wir tief einatmen. Jutta nennt es die 47/11-Übung: 4 Sekunden einatmen, die Luft kurz anhalten, 7 Sekunden ausatmen. 11 Wiederholungen. Mir fällt das Einatmen schwer. Ich habe das Gefühl, dass sich meine Lungenspitzen nicht mit Luft füllen. Auch im Hals spüre ich eine Enge…

Juttas Waldfenster

Die nächste Aufgabe ist einfacher. Wir sollen drei Gegenstände sammeln, die uns besonders ins Auge fallen. Ein paar hundert Meter weiter hat Jutta aus Ästen ein Waldfenster vorbereitet. Ein paar Tannenzapfen, Äste, Moos und Steine liegen schon aufgereiht in diesem auf dem Boden liegenden Fensterrahmen. Sie stammen von Teilnehmern, die schon vor uns mit Jutta beim Waldbaden waren.

„Dieses Moos erinnert mich an meine Kindheit, als ich mit meinen Eltern die Weihnachtskrippe ausgelegt habe. Wir haben vorher im Wald Moos gesammelt. Das war schön“, erzählt Carolin mit einem warmen Lächeln, während sie das Handflächen große Stück Moos in den Rahmen legt. Als nächstes ist es ein Tannenzapfen, der seinen Platz in Juttas Waldfenster findet. „Mit meinen Kindern habe ich unzählige Zapfen gesammelt. Am schönsten war es, wenn sie auf der Heizung lagen und wir die Veränderung beobachten konnten. Wie sie aufgeplatzt sind – und der herrliche Geruch…“

Juttas Waldfenster
In Juttas Waldfenster legen Carolin und ich unsere Fundstücke – neben die der Teilnehmer vor uns. Jeder Zapfen, jeder Ast, jeder Stein erzählt eine eigene kleine Erinnerung. Foto: K. Caspers

Ich lege eine graue Flechte dazu. Auch eine Erinnerung – an einen Urlaub in Finnland. Die unscheinbare Pflanze ist die Hauptnahrungsquelle des größten Tieres im Wald – dem Elch. Es folgt ein krummer Tannenzapfen. Er erinnert mich daran, dass nicht alles perfekt sein muss, um zu funktionieren. Als letztes lege ich ein Stück Borke in das Waldfenster – die Schutzhaut des Baumes.

Orchidee des Waldes

Wir ziehen weiter. Ganz gemächlich. Denn Waldbaden hat nichts mit einer Wanderung zu tun, bei der man sich oft in schnellen Schritten seinem Ziel nähert. Wir streifen durch den Wald. Lassen bewusst unsere Blicke streifen und genießen die Aussicht. Auf die Berge der Umgebung. Die Blumen, die Anfang Juli blühen. Die größte Pracht ist schon vorbei. Doch wir entdecken einen ganz besonderen Schatz: Ein Geflecktes Knabenkraut, eine Orchidee mit hübschen violetten Blüten und  gefleckten Blättern.

Geflecktes Knabenkraut - eine Orchidee aus den Alpen
Geflecktes Knabenkraut und Sauerklee – zwei typische Bewohner der Wälder des Großarltals. Foto: K. Caspers

An einem besonders eindrucksvollen Aussichtspunkt liest uns Jutta ein Gedicht vor:

Ich hör von fern des Waldes Ruf 
und riech der Bäume starker Duft
Schon spür ich wie das grüne Moos
mich betten möchte in seinen Schoß.
Ich atme ein, was mich umweht
umarme das, was vor mir steht.
Die Bäume wiegen sich im Wind
Die Luft weht würzig und so lind
Ich spür den Duft, das Bild ist klar-
Im Traum war mir der Wald so nah.

Wir gehen tiefer in den Wald. Ein harziger Duft liegt in der Luft.

„Hier möchte ich euch von einem weiteren Wirkstoff erzählen, der das Waldbaden so besonders macht“, beginnt Jutta.

Terpene – so nennt man die Botenstoffe, die Bäume ausstoßen, um miteinander zu kommunizieren. Vor allem Nadelbäume verströmen sie in großer Menge. Über diese Stoffe tauschen Bäume untereinander Informationen aus, etwa um sich gegenseitig vor Schädlingen oder Umweltstress zu warnen.

Auch auf uns Menschen haben Terpene eine spürbar positive Wirkung: Sie aktivieren die bereits erwähnten natürlichen Killerzellen im Blut, die entartete Zellen erkennen und zerstören können. Studien von Dr. Qing Li zeigen, dass sowohl die Zahl als auch die Aktivität dieser Killerzellen nach einem Waldbad deutlich ansteigen – und dieser Effekt hält bis zu 30 Tage bis an.

Es ist also gar nicht notwendig, täglich in den Wald zu gehen. Dr. Li empfiehlt, etwa ein- bis zweimal im Monat für mehrere Stunden im Wald zu verbringen, um die gesundheitsfördernde Wirkung aufrechtzuerhalten.

Eingerahmte Erinnerung

Ich beneide Jutta. Sie wohnt am Waldrand und macht einmal pro Woche als Führerin diese herrliche Tour. Ich merke ihr an, wie sehr sie in der Natur zu Hause ist – ein Stück davon möchte sie Carolin und mir mitgeben. Sie hat für jede von einen kleinen Holzrahmen aus Ästen gefertigt. Als sie ihn uns überreicht, bittet Carolin uns, den Rahmen vor uns zu halten und durchzublicken: „Merkt euch, was ihr jetzt seht und ruft euch dieses Bild in Momenten, in denen es euch nicht so gut geht, ins Gedächtnis.“

Dann bekommen wir noch ein Papiertütchen. Drei Erinnerungsstücke sollen wir uns aus dem Wald mitnehmen. Welch eine schöne Idee. Ich war schon immer eine Sammlerin. Und so landen schnell ein Stein, ein Tannenzapfen und ein kleiner Ast in meiner Tüte.

Wasser liegt in der Luft

Unser letzter Stopp führt uns zu einem kleinen Bachlauf. Er ist schmal, schlängelt sich sanft und leise plätschernd ins Tal.

Ganz leise plätschert das kleine Rinnsal – und, wer genau hinhört, kann sogar die Insekten summen hören. Video: K. Caspers

„Die Aerosole – also winzige Wassertröpfchen, die dieses Rinnsal in die Luft abgibt – haben eine reinigende Wirkung“, erklärt Jutta.

Und wieder gibt die Studienlage ihr recht: Untersuchungen zeigen, dass natürliche Wasser-Aerosole in Kombination mit den Terpenen des Waldes die Luftqualität verbessern und feinste Partikel binden können. Diese feuchte, mit biogenen Stoffen angereicherte Waldluft wirkt sich positiv auf die Atemwege aus, kann entzündungshemmendberuhigend und sogar immunsystemstärkend wirken.

Besonders in der Nähe von Bächen oder nach Regen steigt die Konzentration bioaktiver Moleküle in der Luft – ein Effekt, den man inzwischen auch in der Forschung zum sogenannten „Forest Microbiome“ untersucht.

Vom Großarl Tal in den Schwarzwald

In seinem Buch „Die wertvolle Medizin des Waldes“ rät Dr. Li, Wälder mit Nadelbäumen und fließenden Gewässern für das Waldbaden auszuwählen – um den gesundheitlichen Effekt möglichst zu verstärken. In einer Übersichtsskizze am Ende des Buches erwähnt er sogar explizit den Schwarzwald. Das freut mich besonders – denn er liegt direkt vor meiner Haustür. Mein Plan: Jeden Sonntag für ein paar Stunden in den Wald zu gehen.

Buchtipps zum Waldbaden & zur Heilkraft der Bäume

Dr. Qing Li
Die wertvolle Medizin des Waldes – Wie die Natur Körper und Geist stärkt
Rowohlt Taschenbuch, 16,99 €
👉 Zum Buch
Der japanische Immunologe und Begründer des „Shinrin-Yoku“ erklärt, wie Waldbaden unser Wohlbefinden nachhaltig stärkt – wissenschaftlich fundiert und praxisnah.

Dr. Erwin Thoma & Prof. Dr. Maximilian Mooser
Die sanfte Medizin der Bäume – Gesund leben mit altem und neuem Wissen
Servus Verlag, 26 €
👉 Zum Buch
Ein faszinierender Dialog zwischen einem Holzbaupionier und einem Mediziner über die heilende Kraft der Bäume – traditionsreich, inspirierend und tiefgründig.

🔗 Hinweis: Bei den Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Wenn du über diese Links einkaufst, erhalte ich eine kleine Provision – für dich bleibt der Preis natürlich gleich.

Wie viel Kraft ein gemeinsamer Waldspaziergang schenken kann – und wie viel Freude es macht, diese Erfahrung mit tollen Frauen zu teilen – haben mir die gemeinsamen Stunden mit Carolin und vor allem mit Jutta gezeigt. Beiden möchte ich von Herzen danken – für die bereichernden Gespräche und diesen besonderen Tag in der Natur.

Wenn du mich in den Wald begleiten möchtest, nimm gern Kontakt zu mir auf:
Jeden 2. Sonntag im Monat biete ich „Walk & Talk im Wald“ an – eine Kombination aus Waldbaden und sanften Coaching-Impulsen.

Mehr Infos bekommst du direkt bei mir – ich freue mich auf dich.

Ähnliche Beiträge