Freundschaften im Wandel der Lebensphasen
„Best Friends forever“ ist ein schöner Satz. Und schnell gesagt. In ihm steckt allerdings auch eine Menge Beziehungsarbeit. Darüber habe ich mir Gedanken gemacht – Gedanken, die ich hier gern mit euch teilen möchte. Und das aus, wie man so schön sagt, aktuellem Anlass.
Wenn „Best Friends forever“ auf das echte Leben trifft
Gestern hatte ich einen wunderschönen Tag. Freunde waren zu Besuch. Ich liebe diese Momente, wenn wir zusammensitzen, über Gott und die Welt quatschen, in alten Erinnerungen schwelgen – oder auch einmal gemeinsam schweigen, weil wir alle gerade über denselben Gedanken nachdenken. Gestern war es die Erkenntnis, dass wir nicht mehr 30 sind. Ein kurzer Moment der Stille. Dann ein Lachen. Anfang, Mitte 50 – wir sind gemeinsam älter geworden. Und genau deshalb konnten wir nach dieser kurzen Schweigeminute herzhaft lachen – über diesen kleinen Anflug von Melancholie.
Klar, wir haben uns in dieser Zeit verändert. Wir haben mehr Falten, weißere Haare – ohne wirklich weiser geworden zu sein. Na ja, etwas schon! Kinder wurden flügge, Eltern starben. Das Leben hat Spuren hinterlassen, ja, auch kleinere und größere Narben. Aber immerhin sitzen wir nun schon seit über 25 Jahren in dieser Runde zusammen – wenn das kein Grund zum Lachen ist. Für mich ist unsere Freundschaft ein großes Geschenk!
Freundschaften brauchen Aufmerksamkeit – und Zeit
Freundschaften bereichern mein Leben. Und gleichzeitig erlebe ich sie als etwas, das Aufmerksamkeit braucht. Freundschaften „laufen“ nicht einfach. Sie verändern sich – manchmal leise, manchmal spürbar.
Allein die räumliche Distanz macht es nicht leichter. Spontaneität geht verloren, wenn Fahrzeiten von ein oder zwei Stunden dazwischenliegen. Mal eben auf einen Kaffee vorbeischauen – das funktioniert dann nicht mehr. Einige meiner Freundinnen leben mehrere hundert oder sogar tausend Kilometer entfernt. Und doch versuche ich, den Kontakt zu halten. Mal intensiver, mal lockerer – je nach Lebensphase.
Wenn sich Prioritäten verschieben
Doch es ist nicht nur die Entfernung, die zwischen Menschen liegen kann. Manchmal verschieben sich Perspektiven so stark, dass Nähe plötzlich anders erlebt wird. Bei mir waren es die Krankheit meiner Mutter und später auch meine eigene Erkrankung, die meinen Blick verändert haben. Weg von Leistung und Karriere – hin zu seelischer Tiefe, Verletzlichkeit und anderen Fragen an das Leben.
Freunde, die sich in dieser Zeit stark über ihren Beruf definiert haben, fühlten sich mir plötzlich fremd an. Das war irritierend. Zumal ich selbst früher diejenige war, die für ihren Beruf brannte. Wenn sich Prioritäten verschieben, kann der gemeinsame Nenner plötzlich sehr viel kleiner werden. Und – diese Erfahrung habe ich ebenfalls gemacht – manche Freundschaften waren oder sind eher Small-Talk-Freundschaften. Das ist gar nichts Schlimmes. Ein ungezwungenes Gespräch über die vielen herrlichen Nebensächlichkeiten des Lebens kann sehr erfrischend sein – nur eben nicht dann, wenn einem gerade der Sinn nach Tiefe steht.
Zwischen Festhalten und Loslassen liegt manchmal eine Pause
In Situationen, in denen eine Freundschaft schwierig wird. hört man oft den Rat, loszulassen. Sich von Menschen zu verabschieden, die nicht mehr passen. Als ließe sich eine Freundschaft einfach abstreifen. Für mich fühlt sich dieser Gedanke irgendwie befremdlich an. Eine Freundschaft zu beenden bedeutet Abschied – und Abschied ist fast immer mit Trauer verbunden. Warum sollte man sich diesem Schmerz aussetzen? Vielleicht gibt es zwischen Festhalten und radikalem Loslassen noch etwas Drittes. Eine Pause.
Verbunden bleiben – ohne Anspruch auf Nähe
Eine Pause, die Raum schafft. Die ehrlich benannt werden darf. Eine gute Freundschaft kann das aushalten. Und manchmal lässt sich diese Pause durch Kleinigkeiten unterbrechen: Durch einen Anruf zum Geburtstag, einen kurzern Gruß zu Weihnachten, ein stilles Mitlesen im Leben der anderen. Ob nun über den WhatsApp-Status oder Instagram. Ab und an ein kleines Herz-Emoij zu schicken, reicht manchmal schon als Zeichen von Verbundenheit – ohne Anspruch auf Nähe.
Nicht jede Freundschaft bleibt gleich – und darf trotzdem wertvoll sein
Und manchmal, nach Monaten oder Jahren, nähern sich Interessen wieder an. Dann kann aus der Pause wieder mehr werden. Vielleicht nicht genauso wie früher. Aber anders – und trotzdem wertvoll. Natürlich kommt es auch vor, dass Freundschaften ganz auseinandergehen. Doch ein langsames, achtsames Auseinanderdriften ist oft weniger schmerzhaft als ein harter Schnitt. Für beide Seiten.
Nicht jede Freundschaft muss ein Leben lang gleich eng bleiben, um Bedeutung zu haben. Manche begleiten uns intensiv durch bestimmte Phasen, andere treten leiser in den Hintergrund – und manche finden später wieder ihren Weg zurück. Vielleicht geht es gar nicht darum, Beziehungen festzuhalten oder sie konsequent loszulassen. Sondern darum, sie so zu führen, wie es zur eigenen Lebensphase passt. Mit Ehrlichkeit. Mit Respekt. Und mit dem Mut, auch einmal Abstand zuzulassen.
Ich bin jedenfalls sehr dankbar für all meine Freundinnen, die mich mal mehr oder weniger intensiv begleiten. Ich möchte keine von ihnen missen!
3 Fragen zur Reflexion
Zum Nachdenken – ganz ohne Anspruch auf Antwort:
1. Welche Freundschaften tragen mich gerade wirklich?
2. Welche dürfen sich verändern, ohne gleich verloren zu gehen?
3. Und was brauche ich in dieser Lebensphase – Nähe, Abstand oder etwas dazwischen?
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Mach es dir schön!
Deine Karina

Karina Caspers
Journalistin & zertifizierter Coach
Als langjähriges Mitglied der Chefredaktion namhafter Frauenmagazine habe ich gelernt, was uns Frauen in der Lebensmitte wirklich bewegt. Heute verbinde ich diese redaktionelle Expertise mit meiner Arbeit als zertifizierter Coach. Mit meiner Klarheitsanalyse helfe ich Frauen dabei, Ballast abzuwerfen und ihre Lebensfreude neu zu entdecken.
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