Innehalten lernen in der Lebensmitte
Neulich saß ich im Festspielhaus Baden-Baden bei Falco meets Amadeus. Zwischen Nostalgie und Welthits traf mich ein Satz des Falken mitten ins Herz – eine radikale Lektion über das Gipfelglück. In diesem Artikel erzähle ich dir, warum uns das Innehalten lernen so schwerfällt und wie du den Mut findest, einfach mal oben zu bleiben, anstatt sofort den nächsten Berg anzupeilen.

Zeitreise mit Jeanny: Was im Festspielhaus Baden-Baden passierte
Eigentlich wollte ich neulich Abend im Festspielhaus in Baden-Baden bei Falco meets Amadeus einfach nur die Musik genießen. Und ein bisschen in Erinnerungen schwelgen. Ich war – nein, ich bin – ein großer Falco-Fan. Noch heute kann ich das Intro von Jeanny mitsprechen: „Newsflash. In den letzten Monaten ist die Zahl der vermissten Personen dramatisch angestiegen …“ Ich höre noch jedes Wort von Wilhelm Wieben, der den Text damals einlas. Den Rest des Songs kenne ich natürlich auch auswendig.
Ich erinnere mich an den Skandal um das Lied. An das verstörende Video, so anders als das überdrehte, ironische Rock me Amadeus, mit dem Falco einen Welthit gelandet hatte. Zwei Songs, gegensätzlicher kaum denkbar – und vielleicht auch Ausdruck der inneren Zerrissenheit des Sängers.
Ich war damals fast 14, gerade vom Land nach Wiesbaden gezogen. Neue Schule, neue Stadt, neues Leben. Ich fühlte mich tatsächlich wie „a lonely little girl in a cold, cold world“. Vielleicht berührte mich das Lied deshalb so sehr. Vielleicht war es – unbewusst – auch eine Warnung, mich in meiner eigenen Unsicherheit nicht an die falschen Menschen zu klammern.
Mehr als nur Pop: Die verletzliche Poesie des Falken
Falco faszinierte mich. Sein Wiener Dialekt. Seine Mimik. Seine Extravaganz – und seine Verletzlichkeit. Er war mehr als ein Sänger, sondern auch ein reflektierter Beobachter seiner selbst. In Interviews sprach er mit einer Wortpoesie und Klarheit, die weit über die Musik hinausging.
Einige dieser Interviews wurden in Video-Sequenzen in dem Musical gezeigt – und einer dieser Sätze traf mich mitten ins Herz.
Der Moment, in dem die Zeit stehen blieb: Falcos Botschaft vom Gipfel
„Ich verstehe die Leute nicht, die, wenn sie einen Berg bestiegen haben, schon an den nächsten Aufstieg denken. Ich bin froh, dass ich oben bin, ich schau mir die Aussicht an, und dann trink ich einen Schluck.“
In diesem Moment wurde es still in mir. Ich dachte an mein eigenes Leben. Ja, auch ich habe einige Berge erklommen. Doch kaum hatte ich einen Gipfel erreicht, sah ich schon den nächsten. Höher. Steiler. Anspruchsvoller. Ich holte kurz Luft – und ging weiter. Und ich weiß aus meiner Arbeit mit Frauen in der Lebensmitte: Damit bin ich nicht allein.
Innehalten lernen: Warum fällt es uns so schwer?
Gerade Frauen zwischen 40 und 55 haben meist eine beeindruckende „Bergkette“ hinter sich: Karriere aufgebaut. Kinder großgezogen. Beziehungen geführt. Krisen gemeistert. Angehörige gepflegt. Sich neu erfunden.
Und doch passiert etwas Typisches: Kaum ist ein Ziel erreicht, springt unser innerer Antreiber an. Hartnäckig fragt er:
Was kommt als Nächstes?
Wo kann ich mich noch verbessern?
Was darf ich nicht verpassen?
Psychologisch ist das kein Zufall. Viele leistungsorientierte Frauen sind über Jahrzehnte in einem Modus aus Verantwortung, Funktionieren und Optimieren unterwegs. Identität entsteht über Leistung. Über gebraucht werden. Über Ziele.
In der Lebensmitte beginnt sich jedoch etwas zu verschieben: Die äußeren Anforderungen verändern sich – Kinder werden selbstständiger, Karrieren stabilisieren sich oder verlieren an Sinn, der Körper sendet neue Signale. Doch der innere Leistungsmodus läuft weiter.
Innehalten fühlt sich dann nicht wie Genuss an, sondern wie Kontrollverlust. Wie Stillstand. Manchmal sogar wie Leere. Falcos Satz ist deshalb so kraftvoll. Er stellt eine radikale Frage:
Darf ich oben bleiben – ohne sofort weiterzumüssen?
Der Berg-Check: Wo stehst du gerade?
Ich möchte dich einladen, dieses Innenhalten zu lernen. Quasi gedanklich deinen Rucksack abzusetzen, bevor du auf den nächsten Gipfel wanderst.
1. Die Erfolgs-Inventur – Rückblick statt Dauer-Ausblick
Nimm dir ein Blatt Papier und notiere drei „Gipfelsiege“ der letzten zehn Jahre. Nicht nur die offensichtlichen (Job, Haus, Titel), sondern auch die stillen:
- Eine Grenze gesetzt.
- Eine schwierige Entscheidung getroffen.
- Dir selbst treu geblieben.
Erfolge bewusst zu würdigen stabilisiert das Selbstwertgefühl – unabhängig vom nächsten Ziel.
2. Den Gipfel-Moment aushalten
Für viele Frauen ist genau das die größte Herausforderung. Innehalten löst Unruhe aus. Deshalb: Übe es bewusst. Setze dich zehn Minuten ohne Handy hin. Kein Planen. Kein Optimieren. Nur wahrnehmen: Ich bin oben. Stolz darf da sein – ohne sofort ein „Aber …“ hinterherzuschieben.
3. Die Wanderkarte neu zeichnen
In der Lebensmitte geht es nicht mehr zwingend darum, höher zu steigen. Es geht darum, bewusster zu wählen. Will ich wirklich noch diesen Berg? Oder führt mein nächster Weg vielleicht am See entlang – langsamer, aber stimmiger? Reife bedeutet nicht Stillstand. Reife bedeutet Wahlfreiheit. Und ja, Innehalten kann man lernen – auch in der Lebensmitte. Manchmal ist es sogar hilfreich, erst einmal eine genaue Standortbestimmung vorzunehmen.
Fazit: Bleib oben, solange du willst
Falco war ein Weltstar, der den Druck des Nachliefern-Müssens kannte – und vermutlich auch daran zerbrach. Gleichzeitig wusste er um die Kostbarkeit des Moments. Der Wert liegt nicht im nächsten Gipfel. Der Wert liegt in der Aussicht. Wenn du merkst, dass du schon wieder den nächsten Aufstieg planst, halte kurz inne. Atme tief durch. Und sag dir: Ich bin oben. Und ich darf hier bleiben.
Und jetzt Hand aufs Herz: Welchen ‚Gipfelsieg‘ hast du in letzter Zeit viel zu schnell übergangen? Schreib es mir gerne – und lass uns gemeinsam kurz innehalten und feiern.
Mach es dir schön!
Deine Karina

Karina Caspers
Journalistin & zertifizierter Coach
Als langjähriges Mitglied der Chefredaktion namhafter Frauenmagazine habe ich gelernt, was uns Frauen in der Lebensmitte wirklich bewegt. Heute verbinde ich diese redaktionelle Expertise mit meiner Arbeit als zertifizierter Coach. Mit meiner Klarheitsanalyse helfe ich Frauen dabei, Ballast abzuwerfen und ihre Lebensfreude neu zu entdecken.
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